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Institutionelle Pflege bei Demenz – keine Standardlösungen in Europa

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Europa ist ein sehr facettenreicher Kontinent: Jedes Land hat eigene Traditionen, eigene Nationalgerichte und eine eigene Kultur. Jedes Land hat auch, was Demenz betrifft, ein eigenes Risikoprofil und Pflegegrundsätze. So lautet das Ergebnis einer von der EU geförderten Studie.

Im Rahmen der RightTimePlaceCare-Studie, an der Forschungsinstitute aus acht Ländern beteiligt waren, wurden Daten von Demenzpatienten und ihren Pflegern aus Großbritannien, Estland, Finnland, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Spanien und Schweden erhoben. Was besonders hervorsticht, sind die großen Unterschiede innerhalb Europas. 

Generell geht der Trend in der Gesundheitspolitik dahin, Demenzpatienten so lange wie möglich in der eigenen Wohnung zu pflegen, ehe sie in ein Heim eingewiesen werden. Zu Beginn der RightTimePlaceCare-Studie im Jahr 2010 wusste man jedoch noch sehr wenig über diese Übergangsphase erklärt Prof. Gabriele Meyer. 

„Es lagen kaum klinische Daten vor, außerdem existierten innerhalb von Europa weder Prognose- noch Risikofaktoren für die Einweisung von Demenzpatienten in Pflegeheime“, erläutert sie. „Unsere Aufgabe war es, diese Patientengruppe vor und unmittelbar nach dem Umzug ins Heim zu beschreiben, Risikofaktoren zu ermitteln und Vorschläge für die beste Vorgehensweise bei der Entscheidung zu machen, welche Patienten in welcher Umgebung am besten aufgehoben sind.“

Für die Datenerhebung wurde ein Fragebogen an mehr als 2.000 europäische Bürgerinnen und Bürger mit Demenz sowie deren Pfleger verteilt. Etwa die Hälfte der Demenzpatienten lebten in der eigenen Wohnung, erhielten aber zusätzliche Pflegeleistungen, die andere Hälfte war kürzlich in ein Pflegeheim umgezogen.

Es wurde nach klinischen Symptomen gefragt, der Qualität der Pflege, sozioökonomischen Einzelheiten und Lebensqualität. Außerdem sollten die Befragten in einigen offenen Fragen ihre Situation beschreiben. 

Einige Faktoren kristallisierte sich als besonders wichtig heraus. Hierzu gehörte die Abhängigkeit eines Patienten bei der Erledigung von alltäglichen Aufgaben wie Körperpflege und Anziehen und die allgemeine Lebensqualität von Demenzpatienten und ihren Pflegern.

Generell zeigten die Ergebnisse aber auch, dass es für Europa keine Standardformel für die Vorhersage gibt, wie wahrscheinlich die Einweisung eines Demenzpatienten in ein Pflegeheim ist, erklärt Prof. Meyer, die diese Studie an der Universität Witten/Herdecke koordinierte.  

„Der Schweregrad der Demenz beispielsweise ist in einigen Ländern ein sehr wichtiger Grund für die Aufnahme in ein Pflegeheim, in anderen Ländern ist dieser Aspekt weniger wichtig“, erläutert sie. „Es gibt keinen allgemeingültigen Indikator dafür, wann ein Demenzpatient in ein Pflegeheim einziehen muss.“

Die Kosten für die Pflege im eigenen Heim waren von Land zu Land unterschiedlich, das galt auch für die Symptome der Demenz, wie Depression und Gewichtsverlust, und Behandlungspraktiken, wie die Verwendung von Fixierungen und Arzneimitteln.

„Ein Land mit der besten oder schlechtesten Pflege konnte nicht identifiziert werden. Jedes Land schnitt bei den verschiedenen Pflegeindikatoren einmal besser, einmal schlechter ab“, fährt Prof. Meyer fort. „In Estland beispielsweise war die Anzahl der Demenzpatienten in Heimen mit Dekubitus, d. h. Druckgeschwüren, hoch, in deutschen und spanischen Heimen wurden Fixierungen verwendet. Die Ergebnisse nutzen wir jetzt dazu, einige Aspekte detaillierter und zielgerichteter zu untersuchen.“ 

Das RightTimePlaceCare-Projekt ist inzwischen beendet, die Ergebnisse werden, so Prof. Meyer, die inzwischen an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg lehrt, bald an Interessengruppen, Politiker und Entscheidungsträger weitergereicht. 

Die Ergebnisse fließen aber auch in andere Projekte ein, wie sie hinzufügt, zum Beispiel ein weiteres von der EU gefördertes Projekt, ACTIFCare. Hier werden ähnliche Verfahren zur Datenerhebung genutzt, im Mittelpunkt dieses Projekts stehen jedoch Patienten mit Demenz im mittleren Stadium, d. h. in dem Stadium, in dem der Übergang von einer eher lockeren Betreuung zu einer Kombination aus Familienpflege und Pflegeleistungen Dritter im eigenen Heim erfolgt.

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des RightTimePlaceCare-Projekts http://www.righttimeplacecare.eu/

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