Rede mit

Wenn die Erinnerung verloren geht

Professor Heikki Tanila Professor Heikki Tanila

Im Gehirn von Alzheimer-Patienten findet sich zwischen den Zellen ein Gewirr von Proteinablagerungen, die sogenannten Beta-Amyloid-Plaques oder Tangles, von denen angenommen wird, dass sie direkt oder indirekt Gedächtnisverluste verursachen. Um diese Hypothese zu prüfen, versuchte eine Gruppe europäischer Wissenschaftler die Frage zu klären, warum es zu Gedächtnisverlusten kommt und warum diese Patienten kaum neue Erinnerungen entwickeln können. Die Wissenschaftler fragten sich, welche Wirkungen diese Plaques im Gehirn haben, und untersuchten auch neue Möglichkeiten, die Alzheimer-Krankheit zu behandeln und Plaques aus dem Gehirn zu entfernen. Diese Ablagerungen verhindern offenbar die Schaffung neuer Verbindungen zwischen Zellen und stören zudem die existierende Vernetzung. Prof. Heikki Tanila von der Universität Ostfinnland und Koordinator des Forschungsprojekts MEMOLOAD erklärt hier kurz die Ursachen der Alzheimer-Krankheit, was wir heute über die Krankheit wissen und warum ihre Behandlung so schwierig ist.

Was konnten Sie mit Ihrem Forschungsprojekt über Alzheimer erfahren?

Ursprünglich gingen wir davon aus, dass die Anhäufung von Beta-Amyloiden mit dem Auftreten der ersten Alzheimer-Anzeichen zusammenfällt. Inzwischen ist es wahrscheinlich, dass man den Beginn der Krankheit anhand dieser Plaques bereits 15 Jahre vor dem Auftreten der ersten Symptome ansetzen kann. Das erschwert die Untersuchung der Krankheit erheblich. Die Ansammlung dieser Proteine scheint das Anfangsstadium darzustellen, die nur sehr, sehr langsam fortschreitet, so ähnlich wie eine Eiszeit: Der erste Winter ist nicht härter als der letzte, aber der Sommer lässt auf sich warten. Die Proteine kumulieren mehr und mehr und werden nicht abtransportiert.

Welche anderen Entdeckungen konnten Sie im Rahmen von MEMOLOAD machen?

Wie erkannten sehr schnell, dass das Beta-Amyloid-Molekül ein besonderes Molekül ist, nicht unähnlich einem synthetischen Kunststoff. Es besteht aus vielen kleinen Teilen, die immer wieder hinzugefügt werden, und lässt sich leicht verformen. Das erschwert die Untersuchung, uns gelang es jedoch, eine Form herzustellen, die im Labor studiert werden kann. Wir fanden auch heraus, dass Beta-Amyloide Epilepsie verursachen können. Dies wiederum führte dazu, dass Wissenschaftler die Möglichkeiten von Antiepileptika bei der Behandlung von Alzheimer untersuchten. Wir konnten auch die Ergebnisse anderer Arbeitsgruppen bestätigen, dass der Wachstumsfaktor BDNF (Brain Derived Neurotrophic Factor, auf Deutsch etwa: vom Gehirn stammender neurotropher Faktor) ein potenzieller Wirkstoff zur Behandlung von Erkrankungen des Gehirns ist. Das Molekül ist jedoch so groß, dass es die Blut-Hirn-Schranke nur schwer überwindet.

Welche Wirkstoffmoleküle konnten Sie im Rahmen des Forschungsprojekts entdecken?

Wir haben peptidähnliche Moleküle entwickelt, die an Beta-Amyloid binden und dessen Wirkung aufheben. Einige dieser Moleküle erwiesen sich in Zell- und Tiermodellen ausgesprochen wirksam. Peptide werden aber im Körper sehr schnell abgebaut. Ihre Wirkzeit beträgt nur 2 bis 4 Stunden, was ihre Eignung als Anti-Alzheimer-Wirkstoff eher unwahrscheinlich macht. Unser nächstes Ziel ist es, diese Moleküle so zu modifizieren, dass sie länger im Körper überleben.

Warum ist die Behandlung der Alzheimer-Krankheit zu schwierig?

Ein Grund ist sicher, dass diese Krankheit so langsam fortschreitet. Die Diagnose Alzheimer scheint sehr plötzlich zu kommen, tatsächlich sieht es aber so aus, dass die Krankheitsdauer bis zu 30 Jahre betragen kann. In diesem Zeitraum passiert im Gehirn zwar einiges, es ist aber nicht leicht, das genauer zu verfolgen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Krankheit Bereiche mit natürlicher Plastizität befällt. So kann das Gehirn Maßnahmen ergreifen, sich an die Tangles anzupassen, und die Krankheit zunächst besser unterdrücken.

Kann man Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um das Risiko einer Erkrankung zu verringern? 

Was gut für das Herz ist, ist auch gut für das Gehirn. Mit einer ausgewogenen Ernährung, einem normalen Gewicht und der eingeschränkten Aufnahme von Salz und gesättigten Fetten können Sie viel erreichen. Der vermehrte Verzehr von Gemüse und Fisch sowie regelmäßige körperliche Bewegung sind ebenfalls sehr nützlich. Eine gesunde Lebensweise kann also helfen.

Welchen Herausforderungen stehen Sie bei der Entwicklung von Wirkstoffen gegen Alzheimer gegenüber?

Heute stehen vier zugelassene Arzneimittel zu Verfügung, die aber alle nur symptomatisch wirken. Bei einigen Patienten scheinen diese Medikamente schnell anzuschlagen, nach einem Jahr hat sich ihre Situation jedoch verschlechtert. Es wäre ein wichtiger Durchbruch, die Plaques zu neutralisieren, bisher waren die Ergebnisse jedoch enttäuschend. Es ist nicht auszuschließen, dass eine Behandlung 15 Jahre vor dem Auftreten der ersten Symptome beginnen muss. Dies wiederum führt zu schwierig zu beantwortenden ethischen Fragen. Würden Sie ein Arzneimittel einnehmen, wenn Sie gar keine Krankheitssymptome zeigen?

Wäre es nicht möglich, diese gesundheitsschädlichen Plaques einfach aus dem Gehirn zu entfernen?

Das wäre so ähnlich, wie der Versuch, das Wasser aus einem Ruderboot zu schöpfen. Es drängt nämlich immer wieder neues Wasser durch die Ritzen ein. Die Alzheimer-Krankheit ist eine chronische Erkrankung. Wir können sie nur dann stoppen, wenn wir die Ursache für das Ungleichgewicht finden, das für die Anhäufung von Beta-Amyloid verantwortlich ist – oder so früh eingreifen, dass das Ausmaß in Grenzen gehalten werden kann. Auf der positiven Seite hatten wir vor 30 Jahren keine Vorstellung von der Krankheitsursache, heute wissen wir deutlich mehr.

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