
Kommen Sie in Form: Wissenschaftler erkennen zunehmend, dass körperliche Bewegung das Gehirn stärkt. Beim Training wird Blut verstärkt durch den gesamten Körper gepumpt, also auch durch das Gehirn. Das Gehirn lässt sich diese Gelegenheit nicht entgehen und nutzt den zusätzlichen Sauerstoff und die extra Nährstoffe für eine kleine Erfrischungspause und kann anschließend besser neue Neuronen und Verbindungen schaffen. So bauen Sie Ihre zerebrale Reserve auf, den Notgroschen für schlechte Zeiten, wenn einmal Schädigungen auftreten sollten. Training dreimal die Woche senkt das Demenzrisiko über einen Zeitraum von sechs Jahren um ganze 38 % , das zeigt eine Studie mit Menschen ab dem 65. Lebensjahr. Eine andere Studie ergab, dass körperliche Bewegung bei älteren Menschen mit bekannten kognitiven Störungen, also dem Nachlassen der geistigen Fähigkeiten, das Demenzrisiko um 28 % und das Risiko einer Alzheimer-Krankheit sogar um 45 % senkt. Eine Tablette mit dieser Wirkung wäre ein echter Goldesel.
Es sei jedoch hinzugefügt, dass diese Ergebnisse auf einer geringen Anzahl von Studien beruhen. Weitere Forschungsarbeiten sind notwendig, um eindeutig festzustellen, ob körperliche Bewegung Demenz bei jedem Menschen verhindern kann. Trotzdem es ist auf jeden Fall sinnvoll, diesem Konzept bis auf weiteres zu folgen.
Prof. Yaakov Stern erklärt, wie Sie durch Training zerebrale Reserve anlegen können.
Körperliche Bewegung: Training bedeutet, dass Sie bestimmte körperliche Bewegungen mehrmals wiederholen, beispielsweise beim Laufen oder beim Training mit Hanteln. Sie müssen sich aber nicht zu einem Fitnessfreak entwickeln oder schicke Sportkleidung kaufen, um Ihr Gehirn zu stimulieren. Normale Bewegung kann hier vollkommen ausreichen, beispielsweise beim Spazierengehen, bei der Gartenarbeit oder im Haushalt. Wichtig ist, dass es sich um aerobe Bewegungen handelt, d. h. mäßige Anstrengungen wie beim Schwimmen oder Gehen, anstatt beim schnellen Laufen oder Gewichtheben, die ein anaerobes Training darstellen. Bei einer sechsmonatigen Studie stellte sich heraus, dass ein 45-minütiger flotter Spaziergang dreimal die Woche die Gehirnzellen stimulierte, die für Aufmerksamkeit zuständig sind. Diese Beobachtung konnte in einer längeren Studie bestätigt werden, bei der bildgebende Verfahren zur Erkennung von Veränderungen im Gehirn aufgrund von Training genutzt wurden.
Mäuse und Menschen: Experimente mit dem menschlichen Gehirn sind eher unüblich, weswegen sich Wissenschaftler an Mäuse und Ratten halten. Als Wissenschaftler Mäuse in komplexeren Käfigen hielten als im Labor ansonsten üblich, ihnen mehr Raum zur Verfügung stellten, einen größeren sozialen Umgang boten und mehr körperliche Bewegung ermöglichten, erlebten sie eine kleine Überraschung: Bei diesen Mäusen überlebten neue Neuronen länger, was zu einer Zunahme des Gehirnvolumens führte. Noch überraschender war die Tatsache, dass körperliche Bewegung offenbar der wichtigste Faktor für diese Entwicklung war. Das freiwillige Laufen in einem Rad führte zum Überleben von genauso vielen Neuronen wie bei allen anderen günstigen Bedingungen zusammen. In einer anderen Studie entwickelten sich Ratten mittleren Alters zu wahren Erinnerungskünstlern, wenn sie täglich eine Stunde lang schwammen. Studien mit Menschen legen nahe, dass Laufen, Gehen, Schwimmen, Tanzen usw. sich ebenfalls positiv auf unsere Gehirnzellen auswirkt.
Gute Nachricht für Nachzügler: Es scheint, dass es niemals zu spät ist, etwas für seinen Körper (und seinen Geist) zu tun. In einer Studie mit Erwachsenen zwischen 60 und 75 Jahren, die sich körperlich nur wenig bewegten, wurden die Hälfte einer Gruppe zugeordnet, die ein Geh- und Wanderprogramm absolvieren musste, die andere Hälfte einer Gruppe, die Dehn- und Stärkungsübungen machte. Die Wanderer, die ja ein aerobes, und eben kein anaerobes Training absolvierten, zeigten eine deutlich bessere Gedächtnisleistung und bessere Planungsfähigkeiten und damit mehr Handlungskompetenz und konnten auch schneller von einer Aufgabe zur anderen wechseln. Eine denkbare Erklärung für diese Verbesserungen ist, dass das Gehirn während der körperlichen Bewegung mehr Sauerstoff aufnimmt. Wissenschaftler versuchen inzwischen, neue Wirkstoffe zu entwickeln, die das Wachstum von Gehirnzellen fördern. Diese sind aber nur als Ergänzung und nicht als Ersatz für die Dinge gedacht, die wir selbst tun können.
Vorbeugen ist besser als Heilen: Die Alzheimer-Krankheit ist keine leicht zu behandelnde Erkrankung. Wissenschaftler bemühen sich seit Langem, Wirkstoffe zur Heilung dieser Krankheit zu finden, mussten aber immer wieder aufgeben. Heute gilt es als unwahrscheinlich, dass eine einzige Therapie eine Heilung bewirken kann. Schlimmer noch, wenn sich kognitive Schädigungen wie bei Alzheimer einmal im Gehirn festgesetzt haben, lässt sich die Uhr nicht zurückdrehen: Die Schädigungen sind irreversibel. Deswegen verdient jede Möglichkeit, solche Schädigungen zu vermeiden oder auch nur zu verzögern, unsere volle Aufmerksamkeit. Körperliche Bewegung scheint das Risiko einer Erkrankung zu mindern, deswegen ist es nie zu spät, damit anzufangen. Eine Studie ergab, dass Training zweimal die Woche im mittleren Alter mit einem um 52 % niedrigeren Risiko einer Demenz im Alter zwischen 65 und 79 verknüpft ist.
Angenehme Nebenwirkungen: Körperliche Aktivität ist nicht nur für das Gehirn gut, es hat auch noch weitere angenehme Nebenwirkungen. Sie entwickeln einen besseren Gleichgewichtssinn und so im Alter länger länger unabhängig bleiben. Bewegung kann auch andere Krankheiten verzögern oder gar verhindern, hellt die Stimmung auf und verhindert Depressionen. Körperliche Bewegung verleiht Ihnen mehr Energie, die Dinge zu tun, die Sie gerne tun, und, genauso wichtig, lässt Sie gut schlafen. Für das Gehirn ist der Schlaf nämlich genauso wichtig wie die Luft zum Atmen.